Politik – Literatur – Engagement: Lateinamerikanische Autor*innen berichten

Auf der Frankfurter Buchmesse fand am vergangenen Donnerstag die Podiumsdiskussion „Politik – Literatur – Engagement: Lateinamerikanische Autor*innen berichten“ statt. João Paulo Cuenca aus Brasilien, Vivian Lavin aus Chile, Carla Maliandi aus Argentinien und Jaime Labastida aus Mexiko sprachen zum Thema Politik und Engagement in der Literatur. Lutz Kliche, Verleger und Übersetzer lateinamerikanischer Literatur, stellte die Fragen und moderierte durch die Veranstaltung: Was ist engagierte Literatur, existiert sie oder sollte sie existieren? Wem oder was gegenüber ist der Schriftsteller verpflichtet? Soll, darf oder muss er sich politisch positionieren oder gerade nicht? Ist es seine Aufgabe, die Gesellschaft realitätsgetreu widerzuspiegeln oder gar anzuklagen?

Verpflichtet sei der/die Autor*in zunächst einmal sich selbst, so die Chilenin Vivian Lavin. Doch als Journalistin stellte sie auch die Verpflichtung gegenüber der Zeit heraus und in diesem Kontext auch die Rolle der Journalisten zu Zeiten der Militärdiktatur. Aufgrund der journalistisch gesammelten Informationen sei es möglich gewesen, die begangenen Verbrechen anzuklagen. In ihrem Werk “Mujeres tras las rejas de Pinochet. Testimonio de tres expresas políticas de la dictadura” (Frauen hinter den Gittern Pinochets. Testimonios von drei ehemaligen politischen Gefangenen der Militärdiktatur) haben Frauen das Wort, die auf Lavin zukamen, um endlich von ihrer Haft zu erzählen. Laut Lavin sprächen bis heute viele der ehemaligen politischen Gefangenen nicht über die Vergangenheit. Denn noch nach der Diktatur zur Transitionszeit, lastete auf ihnen das Stigma eine „Terroristin“ zu sein. Der Diktator Pinochet und ehemalige Oberbefehlshaber saßen damals im Senat. Auch sei vielen die Gefängnishaft bis heute peinlich.

Carla Maliandi fühlt sich vor allem der Form verpflichtet. Ein Roman sei ja nicht nur politisch, weil er von Videla oder Hitler spreche, sondern vor allem auch, wenn er sich Fragen zur Sprache stelle. Und auch ihren Roman „La habitación alemana“ (das deutsche Zimmer), will sie nicht als einen Exilroman verstanden wissen, oder unbedingt als eine Verpflichtung gegenüber der argentinischen Geschichte. In erster Linie sei er ein Roman über das kaputte Herumstreunern, das Vagabundieren ihrer Generation.

Der mexikanische Verleger Jaime Labastida stellt fest, dass der Schriftsteller zunächst einmal die Verpflichtung habe, gut zu schreiben, denn sonst lese ihn niemand. Außerdem gebe es viele Formen die Gesellschaft widerzuspiegeln und sie anzuklagen. Man könne jedenfalls keinen Autoren dazu verpflichten, über ein bestimmtes Thema zu schreiben.

Dies sieht auch der Brasilianer João Paulo Cuenca so. Man könne niemanden dazu verpflichten, nicht über die Wirklichkeit zu schreiben, aber man habe auch die Freiheit, dies zu tun. Cuenca schreibt in seinen Werken sowohl über erotische japanische Puppen als auch über ein Massaker an schwarzen Jugendlichen, das die brasilianische Gesellschaft ignorierte. Cuenca ist ein Verfechter der totalen künstlerischen Freiheit, ob es diese jedoch unter dem faschistischen Präsidenten Bolsonaro noch geben werde, sei sehr fraglich. Auf die Frage, ob er sich in seinen Werken politisch positioniere, antwortet der Brasilianer Cuenca: Es sei absurd und unmöglich, ein objektiver Künstler zu sein, aber als Künstler sei man nie dazu verpflichtet, sich in allem Geschriebenen politisch zu positionieren. Für Cuenca ist Literatur vor allem eine Maschine, die zerstört: Sie zerstört Gewissheiten und stellt alles in Frage. Sie zerstört Macht. Wenn Politiker wie der faschistische Präsidentschaftskandidat Bolsonaro an die Macht kommen, könne man mit der Literatur auch diese Macht zerstören.

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